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Was ist noch mal ein Problem? Ein Problem ist eine Situation, die entweder schwer zu verstehen ist, oder für die Sie keine vorgefertigte und klare Lösung haben. Als wesentliches Merkmal eines Problems würde ich „Ungewissheit“ und „Unsicherheit“ festmachen.

Um mit Problemen insgesamt besser umgehen zu können macht es Sinn Probleme etwas differenzierter zu betrachten. In meiner Welt gibt es 3 Kategorien von Problemen, die sich stark unterscheiden, und für es auch sehr unterschiedliche Lösungszugänge gibt.

Die erste Kategorie nenne ich „Probleme der Alltagsbewältigung“. In diese Kategorie fallen Probleme, die wir oft gar nicht als solche wahrnehmen, und auf die wir meist automatisch reagieren. In Episode 1 habe ich als Beispiel ein vorbeifahrendes Auto bei Regen genannt, das droht mich – den Fußgänger – anzuspritzen.

Egal wie ich darauf reagiere, sei es, dass ich einen Schritt zurücktrete, sei es dass ich meinen Regenschirm kurz in Richtung der Fahrbahn halte und so die Wasserfontäne abwehre, sei es dass ich mich hinter einen anderen Passanten stelle, der die Ladung abbekommt, oder sei es dass ich stehen bleibe und nass werde, die Reaktion ist meist automatisch und erfolgt ohne langes Nachdenken.

Auch vergleichsweise belanglose Dinge wie die Wahl des Mittagessens in der Kantine oder die Wahl der Kleidung am Morgen fallen in diese Kategorie.

Sie werden vielleicht sagen: wo ist hier das Problem? Im umgangssprachlichen Sinn sind das auch keine Probleme, jedenfalls für die meisten von uns, allerdings gibt es auch hier ein Element der Unsicherheit und der Ungewissheit, mit dem ich umzugehen habe. Probleme der Alltagsbewältigung, wie ich sie nenne, und „Probleme“ kann man hier ruhig unter Anführungszeichen setzen, lösen wir jeden Tag zu Dutzenden, wenn nicht sogar zu Hunderten. Das entscheidende Merkmal dieser Problemkategorie ist hier, dass es im Einzelfall ziemlich egal ist, wie ich mich konkret entscheide. Die Auswirkungen sind sehr gering, es geht um nichts. Wenigstens im Einzelfall…

Wie löst man solche Probleme am besten? Ich meine, der beste Weg ist der, den wir gewöhnlich heute schon wählen. Das Problem – wie gesagt nehmen wir es meist gar nicht als solches wahr – tritt auf, wir reagieren mehr oder weniger automatisch darauf, fassen ohne großes Nachdenken einen Entschluss und setzen ihn um. Diese Problemlösungsstrategie, und ich gebe zu „Problemlösungsstrategie“ ist dafür ein sehr großes Wort,  würde ich mit folgenden Begriffen beschreiben.

  • Schnell
  • Automatisch
  • Intuitiv

Die zweite Kategorie nenne ich im Unterschied zu den Problemen der Alltagsbewältigung „Signifikante Probleme“. Der Name legt es schon nahe, bei diesen Problemen geht es um etwas. Es ist nicht egal, wie ich mich entscheide, die Auswirkung ist deutlich größer. Die Komplexität muss nicht unbedingt größer sein, jedenfalls aber die Auswirkung. Auch dafür gibt es im beruflichen wie im privaten Umfeld viele Beispiele, z.B.

  • Aus Episode 1, der Großkunde hat uns kurzfristig und unerwartet abgesagt.
  • Oder aus dem privaten Umfeld, ich kaufe ein neues Auto.
  • Oder, auch aus Episode 1, wir sind bei Absatz und Umsatz mehr als 20% unter Plan, und ich habe keine Ahnung, warum das so ist.
  • Oder, noch ein Beispiel aus dem Privatleben, in welche Schule soll mein Kind gehen?

Mit dieser Kategorie von Problemen haben wir es sehr häufig im beruflichen Umfeld zu tun. Und diese Kategorie von Problemen ist es auch, der ich mich in diesem Podcast vorrangig widmen möchte.

Wie löst man solche Probleme am besten? Es bietet sich der schon erwähnte strukturierte Zugang an, also

  1. Problem verstehen und analysieren
  2. Lösungsmöglichkeiten erarbeiten
  3. Entscheiden
  4. Umsetzen

Diese Problemlösungsstrategie, und hier passt der Begriff schon besser,  würde ich mit folgenden Begriffen beschreiben:

  • Strukturiert
  • Analytisch

Die dritte Kategorie nenne ich „Black Box Probleme“. Sie unterscheiden sich von den ersten beiden Kategorien durch eine ungleich höhere Komplexität. Die Komplexität ist bei Black Box Problemen so groß, dass nicht alle wesentlichen Einflussfaktoren und Wirkmechanismen bekannt sind oder erfasst werden können. Im Extremfall kann das so weit gehen, wie bei einer echten Black Box.

Falls Sie den Begriff bisher nur von Flugzeugabstürzen kennen, diese Black Box ist nicht gemeint. Als Black Box bezeichnet man ein System, bei der nur der Input und der Output sichtbar sind. Und Systeme, die sehr, sehr komplex sind, haben hier eine gewisse Ähnlichkeit. Man kann zwar rein schauen, die Zusammenhänge sind aber  so komplex, dass das nicht viel bringt. Man ist auf die Beobachtung von Input und Output beschränkt und angewiesen.

Die Konsequenz ist, dass sich diese Probleme nicht mehr in einen halbwegs einfachen Ursache-Wirkung-Zusammenhang bringen lassen. Und damit entziehen sie sich einer Lösung nach dem eben genannten strukturierten Schema.

Sie denken jetzt vielleicht: Aha, solche Probleme gibt es?

Ja, die gibt es, und zwar häufiger als man möglicherweise glaubt. Sie treten immer dann auf, wenn ein System ausreichend groß und vernetzt ist, oder mit einem Wort, wenn ein System ausreichend komplex ist. Dazu zwei Beispiele:

  • Erstens: Das internationale Banken- und Finanzsystem. Obwohl sich hier mit die klügsten Köpfe der Welt treffen, und ich spreche hier nicht von den typischen Bankern, sondern von den Mathematikern, Physikern, Systemtheoretikern und Volkswirten im Hintergrund, war für diese unglaublich klugen Köpfe und all die Rechnerleistung, die ihnen für ihre Modelle zur Verfügung steht, nicht absehbar, was die Lehman-Pleite im Jahr 2008 auslösen würde. Die Insolvenz dieser großen Investmentbank war einer der zentralen Auslöser der Finanzkrise der letzten Jahre. Die Ursachen der Krise gab es auch davor schon, aber erst die Lehman-Pleite hat das System zum Kippen gebracht. Und diese Pleite und ihre Auswirkungen ist ein Beispiel dafür, wie wenig berechenbar ein System wird, wenn es ausreichend groß und ausreichend vernetzt ist und darüber hinaus in Teilen intransparent.
  • Zweites Beispiel: unser Körper. Wir können uns das heute nicht mehr so richtig vorstellen, aber Medizin hat nicht immer so funktioniert wie heute. Heute sind wir froh, wenn uns ein Arzt hilft. Es gab aber Zeiten, und die sind noch gar nicht so lange her, da hatten Sie Glück, wenn kein Mediziner in der Nähe war, wenn Sie krank wurden. J

    Viele der Behandlungsmethoden waren wirkungslos oder sogar schädlich. Ein Beispiel gefällig? Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert galt der Aderlass, also die Abnahme durchaus großer Mengen von Blut, als universelles Heilmittel. Heute wissen wir, dass es kaum eine Krankheit gibt, bei der der Aderlass eine positive Wirkung hat. Und das ist nur ein Beispiel unter vielen.

    Die Medizin war beherrscht vom Glauben an das eigene Wissen. Kritisch auf den Prüfstand wurde dieser Glaube allerdings nicht gestellt. Es sind Zitate der Art überliefert

    „Wenn der Patient gesund wird, dann hat meine Medizin geholfen. Wenn er stirbt, dann war er unheilbar krank, und es war ihm einfach nicht mehr zu helfen.“

    Wann wurde es besser? Genau ab dem Zeitpunkt, als man begonnen hat Experimente durchzuführen und zu messen, mit anderen Worten klinische Tests.

  • Und es gibt noch viele weitere Beispiele für Black Box Probleme, auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich.

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil es auch heute immer wieder passiert, dass wir auf Probleme stoßen, die zu komplex sind, als dass wir sie verstehen können. Mit dem strukturierten, analytischen Zugang kommen Sie hier nicht weiter. Sie können aber genau das tun, was man in der Medizin vor mehr als hundert Jahren begonnen hat zu machen. Also Experimente, und die Ergebnisse messen. Und auf Basis der Ergebnisse bekommen Sie einen Rückschluss, ob und wie die jeweilige Maßnahme gewirkt hat.

Die geeignete Problemlösungsstrategie für diese Kategorie von Problemen würde ich mit folgenden Begriffen beschreiben:

  • Versuch und Irrtum
  • Messen

Diese letzte Problem-Kategorie ist am schwierigsten zu handhaben, wahrscheinlich auch, weil es unserem Selbstverständnis entspricht, dass die Experten für Probleme Lösung haben, die sie auch erklären können.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, ich finde man hat während der Finanzkrise oft ein gewisses allgemeines Unbehagen gespürt, dass es da ein Thema gibt, dass doch eigentlich nicht so schwierig zu lösen sein kann – so möchte man meinen –, und zu dem angesehene Experten vollkommen unterschiedlicher Meinung sind.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, wozu Sie diese Unterscheidung brauchen. Ich sage es Ihnen: weil Sie für verschiedene Probleme verschiedene Werkzeuge brauchen. Und wenn Sie an ein Problem mit dem falschen Werkzeug oder mit der falschen Problemlösungsstrategie herangehen, dann haben Sie ein zusätzliches Problem. Und zwar eines, wie Sie es vielleicht aus dem Zitat von Paul Watzlawick kennen:

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Und was passiert, wenn Sie mit dem falschen Werkzeug arbeiten?

Lassen Sie es mich so sagen: wenn Sie zum Beispiel an ein Problem mit geringen Auswirkungen und geringer Komplexität mit einer Problemlösungsstrategie für Probleme mit signifikanten Auswirkungen und hoher Komplexität herangehen, dann passiert nicht viel. Sie werden nur sehr, sehr langsam. Und ich vermute Sie kommen auch gar nicht auf die Idee das zu tun.

Problematisch wird es in die andere Richtung, also bei der Anwendung von Problemlösungsstrategien für Probleme mit geringen Auswirkungen und geringer Komplexität auf ein Problem mit großer Signifikanz und hoher Komplexität. Diese Fälle möchte ich kurz durchgehen:

  • Fall 1: Es gibt ein Signifikantes Problem, und Sie wählen die Problemlösungsstrategie schnell, automatisch, intuitiv.

    Das ist wahrscheinlich einer der häufigsten Fehler. Vielleicht landen Sie einen Glückstreffer und Ihr intuitiver Lösungzugang ist der richtige. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Auf signifikante Probleme reagiert man besser strukturiert und analytisch.

  • Fall 2: Es gibt ein Black Box Problem, Sie wählen die Problemlösungsstrategie schnell, automatisch und intuitiv.

    Auf den ersten Blick ist das nicht ganz verkehrt, weil schnell, automatisch und intuitiv auch gar nicht so weit weg ist von Versuch und Irrtum. Allerdings fehlt der wichtigste Teil, nämlich das Messen. Wenn Sie intuitiv handeln und das Ergebnis nicht messen, dann können Sie nicht beurteilen, ob es tatsächlich geholfen hat oder nicht. Da sind Sie nicht mehr weit weg von den historischen Medizinern, von denen ich Ihnen erzählt habe. J

  • Fall 3: Es gibt ein Black Box Problem, Sie wählen die Problemlösungs­strategie strukturiert und analytisch.

    Ich glaube, dass wir auch diesen Fehler häufig sehen, und ich denke hier an große Konzerne und an die Politik. Wenn Sie in einer Position sind, in der man von Ihnen verlangt, dass Sie das Problem verstehen und es auch lösen können, dann werden Sie so tun, als würden Sie es verstehen und könnten es lösen. Möglicherweise glauben Sie das in einer solchen Position sogar selber. Bloß, es hilft Ihnen nicht weiter. Probleme dieser Kategorie kann man nicht verstehen. Man sollte sich Ihnen mit etwas Demut nähern.

Lassen Sie mich das nochmals kurz zusammenfassen: es gibt für jede Kategorie von Problemen eine geeignete Problemlösungsstrategie. Wenn Sie das Problem in die falsche Kategorie sortieren, dann besteht die Gefahr, dass Sie die falsche Problemlösungsstrategie nehmen. Achten Sie darauf!

 

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