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Warum habe ich mir ausgerechnet eine Problemstellung aus einer Fernsehsendung ausgesucht? Vielleicht denken Sie sich: „da spricht er in der ersten Episode von „aus der Praxis für die Praxis“, und dann ist es erst recht Theorie pur.“

Lassen Sie es mich so sagen. Einerseits habe ich dieses Beispiel genommen, weil diese Sendung viele, viele Menschen kennen. Und ich nehme gerne Beispiele, in die man sich auch gut hineindenken kann. Na ja, und das ist halt bei Dingen leichter, die man kennt.

Und eine solche Fernsehshow natürlich einen Riesenvorteil gegenüber Beispielen aus dem echten Leben. Eine Fernsehshow ist ein Spiel. Und Spiele haben Regeln. Und weil Spiele Regeln haben, lässt sich viel klarer und eindeutiger sagen, ob eine Überlegung, eine Entscheidung oder eine Handlung richtig oder falsch, gut oder schlecht ist, und ob man etwas besser machen könnte. Im echten Leben ist das meist schwieriger.

Spiele mit Regeln sind in diesem Sinne gute Beispiele, weil hier klar hervorkommt, was wie wirkt.

Kurz zurück zur Episode 3. Ich habe Ihnen beim letzten Mal einen jungen Mann vorgestellt, der als Kandidat bei der Millionenshow ist.

Im ersten Teil der Geschichte kommt er vor der Sendung mit einer jungen Frau ins Gespräch. Er erklärt ihr, wie er sich auf die Auswahlrunde vorbereitet. Nur wer die Auswahlrunde übersteht kommt zum Moderator in die Mitte und spielt um eine Million Euro.

Im zweiten Teil der Geschichte ist er selbst in der Sendung. In der Auswahlrunde scheitert er in den ersten beiden Runden denkbar knapp. In der dritten Runde schließlich kann er als einziger Kandidat die Frage richtig beantworten, und das in Rekordgeschwindigkeit. Er geht in die Mitte und spielt um die Million. Hier endet die Geschichte.

Ich habe Ihnen angekündigt, dass ich in dieser Episode mehrere Fragen beantworten möchte. Nämlich

  • Was genau ist das Problem in der konkreten Situation in der Millionenshow?
  • Wie kann man an das Problem herangehen?
  • Was sind gute Lösungen? Und schließlich
  • Har der junge Mann eine gute Lösung gewählt?

So, und diese Fragen möchte ich mir heute vornehmen.

Lassen Sie mich mit etwas Grundsätzlichem beginnen. Wie geht man eigentlich grundsätzlich bei der Lösung eines Problems vor? Also was macht man als Erstes. Was als Zweites. Und so weiter.

Ich behaupte das ist relativ einfach. Probleme löst man in vier Schritten.

  1. Problem analysieren und verstehen
  2. Lösungsoptionen erarbeiten
  3. Entscheiden
  4. Umsetzen

Hm, werden sie vielleicht sagen, wenn das stimmt, wenn das wirklich so einfach ist, warum braucht man dann einen eigenen Podcast zum Thema Problemlösen? Für die paar Punkte braucht man ja kaum eine Episode!

Einerseits stimme ich dem zu, irgendwie. Andererseits irgendwie nicht.

Denn obwohl es vier einfache Schritte sind, die einem auch rasch einleuchten, werden Sie kaum einmal sauber abgearbeitet. Ich weiß nicht, wie es Ihnen da geht. Ich persönlich habe in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn nur wenige Probleme gesehen, bei denen diese vier Schritte sauber durchlaufen worden wären.

Warum ist das so?

Ich denke einen ersten Hinweis finden wir in unserer schönen Sprache.

Haben Sie beispielsweise schon einmal den Satz gehört

„Wir haben ein Problem. Wir müssen das Problem jetzt erst mal verstehen.“

Nein? Ich auch nicht. Was ich aber schon sehr oft gehört habe ist

„Wir haben ein Problem. Wir müssen etwas tun!“

Ich glaube hier ist unsere Sprache – wie so oft – verräterisch und sagt uns mehr, als wir auf den ersten Blick oder beim ersten Hinhören wahrhaben. Wir Menschen sind oft Automaten. Wenn es ein Problem gibt, dann haben wir meist sofort eine Lösung. Und wir tun und machen. Und zwar bevor wir das Problem so richtig verstanden haben.

Es gibt einen weiteren Grund, warum insbesondere das Verstehen eines Problems und die Analyse zu kurz kommen. Wenn es ein Problem gibt, dann hat häufig jemand einen Fehler gemacht oder wenigstens etwas nicht ganz richtig eingeschätzt. Das ist wenig überraschend, denn Menschen machen Fehler. Und Menschen sehen nicht in die Zukunft, Fehleinschätzungen gerade über zukünftige Entwicklungen sind also etwas ganz Normales. Nur, in sehr vielen Firmen werden keine Fehler gemacht. Nein warten Sie, es werden wohl Fehler gemacht, aber man spricht nicht darüber, man darf nicht darüber sprechen.

Und wenn es verboten ist über Fehler zu sprechen, dann ist eine Problemanalyse, bei der Fehler zum Vorschein kommen könnten, genau das, was nun wirklich gar niemand will. Also macht man es auch nicht.

Meine Erfahrung ist, und ich wiederhole das gerne, dass der ganze Prozess, also

  1. Problem analysieren und verstehen
  2. Lösungsoptionen erarbeiten
  3. Entscheiden
  4. Umsetzen

nur ganz selten durchlaufen wird. Stattdessen wird häufig der erste Schritt übersprungen, und man denkt über Lösungsoptionen nach, ohne das Problem wirklich verstanden zu haben.

Oder aber man überspringt die ersten beiden Schritte und entscheidet gleich.

Oder aber man setzt die Entscheidung voraus und beginnt mit dem Tun.

Bitte verstehen Sie mich richtig, ich bin ein Freund des Handelns. Handeln ist wichtig, wichtig, wichtig. Ohne zu handeln löst man keine Probleme.

Oder, um mit meinem geschätzten Podcaster-Kollegen Olaf Dammann zu sprechen „Erfolg buchstabiert sich T.U.N.“. Diesen Satz mag ich sehr.

Olaf Dammann hat einen wöchentlichen Podcast für Führungskräfte mit dem hübschen Titel „Leben – Führen“, den ich sehr empfehlen kann, und den ich natürlich in den Shownotes verlinke.

Ich bin hundertprozentig seiner Meinung. Nur: mit dem tun alleine ist es nicht getan. Schnell laufen bringt einen schnell ans Ziel. Aber nur, wenn man in die richtige Richtung läuft.

Wenn ich das Problem nicht wirklich verstanden habe, und mache und tue, dann löse ich möglicherweise durch Zufall das Problem. Das ist dann ein Glückstreffer.

Meistens aber löse ich damit das falsche Problem. Oder aber ich löse gar kein Problem. Und im schlimmsten Fall erzeuge ich sogar ein neues Problem, wenn ich handle, ohne das ursprüngliche Problem wirklich verstanden zu haben.

Sie fragen sich, was das mit unserer Fernseh-Quizshow zu tun hat? Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten:

„Was müssen Sie tun, um bei der „Millionenshow viel Geld zu gewinnen?“

Wissen Sie, was alle Menschen sagen, denen ich diese Frage bisher gestellt habe? Sie sagen

„ich muss viel wissen, um möglichst viele Fragen richtig zu beantworten“.

Ich behaupte das ist nicht ganz richtig. Warum?

Sie ahnen es. Damit Sie überhaupt erst in die Lage kommen Ihr umfassendes Wissen vor der ganz großen Zuhörerschaft an den Mann zu bringen, müssen Sie erst in die Mitte kommen! Sie müssen sich erst gegen 9 andere Kandidaten durchsetzen. Und damit Sie sich gegen 9 andere Kandidaten durchsetzen können, müssen Sie verstehen, wie gespielt wird.

Erlauben Sie mir einen Fußball-Vergleich. Stellen Sie sich vor es ist Fußball-Europameisterschaft, ist ja auch bald. Sie stehen im Halbfinale, sagen wir gegen Italien. Das andere Halbfinale zwischen Spanien und Belgien ist schon gespielt. Belgien hat gewonnen uns steht im Finale.

Was müssen Sie tun, um Europameister zu werden. Belgien im Finale schlagen?

Ja schon. Bloß, Sie stehen noch nicht im Finale. Davor müssen Sie nämlich erst noch Italien im Halbfinale schlagen. Wenn nicht, dann findet das Finale ohne Sie statt! Was glauben Sie denn, warum jeder Trainer immer wieder und gebetsmühlenartig wiederholt, dass das nächste Fußballspiel das wichtigste ist?!

Und damit wären wir wieder beim Spiel. Ich habe es schon erwähnt ein Spiel hat Regeln. Was sind also die Regeln bei der Millionenshow? Was müssen Sie tun, um  bei der Millionenshow in die Mitte zu kommen?

Ganz einfach, Sie müssen eine Frage richtig beantworten. Und Sie müssen das schneller machen als Ihre Mitbewerber.

In der Show, in die Sie eingeladen sind, finden ein oder zwei Runden dieses Spiels statt, manchmal drei, selten sind es vier. Die Frage ist so aufgebaut, dass Sie entweder vier Begriffe reihen oder auch fortsetzen müssen oder etwas zuordnen müssen.

  • Ein Beispiel für Reihen wäre „Ordnen Sie die folgenden Länder ihrer Größe nach: zum Beispiel Frankreich – Kasachstan – und so weiter!“
  • Und ein Beispiel für Zuordnen wäre „Ordnen Sie jeder der Personen den richtigen Vornamen zu: Obama – Merkl – und so weiter!“

So, damit haben Sie das Problem analysiert und beschrieben.

Wie sieht es mit Lösungsoptionen aus?

Im Wesentlichen haben Sie drei Optionen

  • Sie beantworten die Frage nach dem Zufallsprinzip und gehen auf maximale Geschwindigkeit
  • Oder Sie versuchen die Frage richtig zu beantworten und zwar so schnell wie möglich.
  • Oder Sie wählen eine Mischvariante aus den beiden, etwa wenn Sie glauben nur einen Teil der Frage richtig beantworten zu können.

Sehen wir uns zuerst die Variante Zufallsprinzip an. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie bei zufälliger Wahl der Antwortmöglichkeiten die richtige Antwort erwischen, also die vier Begriffe in die richtige Reihenfolge bringen, beträgt 1/24 oder etwas über 4%. Ich erspare Ihnen die Herleitung, sie ist nicht kompliziert, aber schließlich ist das hier kein Mathematik Podcast. J

4%, Das ist nicht besonders erfolgsversprechend. Außer natürlich Sie haben gar keine Ahnung, dann ist es Ihre beste Chance. Denn wenn Sie es schlicht nicht wissen, bringt es auch nichts lange nachzudenken…

Nehmen wir mal an, Sie sind der Schnellste – das sollte zu schaffen sein, wenn Sie nicht nachdenken müssen –, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in die Mitte kommen bei einer gespielten Runde bei etwas über 4%, bei zwei Runden bei etwas über 8% und bei drei Runden bei 12%. Sagen wir es gibt im Durchschnitt zwei Runden. Um in Summe eine 50% Chance zu haben in die Mitte zu kommen, müssten Sie neunmal bei der Millionenshow teilnehmen  Ich würde sagen, das hört sich nicht nach einer besonders vielversprechenden Strategie an.

Und Ihre Chancen sinken noch, wenn ein oder mehrere andere Mitspieler die gleiche Strategie anwenden.

Kommen wir zur zweiten Variante. Hier versuchen Sie die Frage richtig zu antworten, und zwar so schnell wie möglich.

Um damit erfolgreich zu sein, müssen Sie zweierlei. Sie müssen einerseits die Frage richtig beantworten können und Sie müssen es andererseits schnell tun. Sie haben also zwei Hebel, an denen Sie drehen können.

Nehmen wir mal an, dass Sie etwa gleich viel wissen, wie die anderen Kandidaten, und dass Sie etwa gleich schnell darin sind eine Frage zu beantworten. Damit haben Sie – wie auch jeder andere der insgesamt 10 Kandidaten – eine Chance von 10% bei einer gespielten Runde in die Mitte zu kommen. Bei zwei gespielten Runden erhöht sich diese Chance auf ungefähr 20%, bei drei gespielten Runden auf ungefähr 30%. Man sieht also, dass die Strategie „Frage richtig beantworten, und zwar möglichst schnell“ bessere Chancen bietet als die Variante Zufallsprinzip. Das gilt aber nur dann, wenn Sie etwa gleich viele Fragen richtig beantworten können und etwa gleich schnell sind, wie Ihre Mitbewerber! J

Zum ersten Hebel: Frage richtig beantworten – dazu müssen Sie über das nötige Wissen verfügen. Und Wissen eignet man sich üblicherweise mit Lernen an. Wie Sie lernen, ist natürlich alleine Ihre Sache, das Wissen sollte in Ihren Kopf rein, und dort sollte es dann abrufbar sein. Das praktische ist, wenn Sie sich Wissen aneignen, dann arbeiten Sie an einer Fähigkeit, die Sie ohnehin noch gut gebrauchen können, wenn Sie tatsächlich die Auswahlrunde überstehen. Es gibt also eine Fähigkeit, die Ihnen sowohl dabei hilft in die Mitte zu kommen als auch dabei dort dann viel Geld zu gewinnen.

Einen Haken gibt es. Ihre Mitbewerber haben das wahrscheinlich auch verstanden. Wenn Sie also etwa gleich viel wissen, bevor Sie lernen, und sich dann gleich gut vorbereiten, dann haben Sie wieder Gleichstand und keinen Wettbewerbsvorteil gegenüber Ihren Mitbewerbern.

Kommen wir zum zweiten Hebel: schnell sein – ja, wie wird man denn schnell darin eine Frage zu beantworten? Mir fallen da zwei Punkte ein.

  1. Üben, das heißt die konkrete Aufgabenstellung simulieren und oft durchlaufen, dabei besser und schneller werden. Und
  2. Sich selbst dabei beobachten, wie man bei unterschiedlichen Fragestellungen denkt und den Prozess dann im Hinblick auf unterschiedliche Fragestellungen optimieren.

Was meine ich damit?

Wenn Sie etwa merken, dass Sie an Reihungs-Fragen anders herangehen als an Zuordnungs-Fragen, dann sollten Sie nicht blind auf die Frage los stürzen. Vielmehr sollten Sie zuerst klären, welche Art von Frage es ist, und dann die richtige Herangehensweise wählen, also jene Herangehensweise, mit der Sie die Frage schneller beantworten können.

So, und mit diesen beiden Punkten haben Sie zwei spannende Lösungsoptionen, die Ihnen helfen schneller zu werden, und die wahrscheinlich nicht alle Ihrer Mitbewerber auf dem Radar haben. Das kann ein echter Wettbewerbsvorteil sein, wenigstens bis sich dieser Podcast einigermaßen verbreitet hat.

Kommen wir zur Umsetzung. Es genügt ja nicht ein Problem zu verstehen und Lösungsoptionen zu erarbeiten. Man muss auch entscheiden – darüber brauchen wie uns hier nicht lange aufzuhalten – und umsetzen. Umsetzen heißt hier üben. Und wie übt man so etwas? Mir ist da etwas eingefallen, dass ich Ihnen etwas später gerne als kleine Aufgabe mitgeben möchte.

Ich bin Ihnen noch die Antwort auf die Frage schuldig, ob der junge Mann in unserer Geschichte einen guten Lösungszugang gefunden hat. Ich denke das hat er. Zum ersten hat er verstanden, dass er – bevor er um viel Geld spielen kann – erst ein anderes Spiel gewinnen muss. Zum zweiten hat er verstanden, dass man sich auf dieses erste Spiel gezielt vorbereiten sollte. Und schließlich hat er einen Weg gefunden sich ganz gezielt darauf vorzubereiten. Er hat damit die Geschwindigkeit, in der er die in der Auswahlrunde gestellten Fragen beantworten kann, deutlich erhöht und seine Chancen verbessert.

Sie könnten jetzt einwenden: gut, aber in der Auswahlrunde, die er gewonnen hat, war er doch der Einzige, der die Frage richtig hatte. Dass er schnell war, ist doch vollkommen unerheblich.

Das stimmt natürlich. Aber war die Vorbereitung umsonst?

Gestatten Sie mir einen Vergleich. Stellen Sie sich einen Hürdensprinter vor, der sich penibel auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Er optimiert sein Training und macht einfach alles um noch schneller zu werden. Am Tag X bringt er seine beste Leistung. Er gewinnt das Finale mit neuem Weltrekord. Von seinen beiden härtesten Konkurrenten scheidet der eine mit zwei Fehlstarts aus, der andere strauchelt über eine Hürde. Unser Held hätte auch mit einer für ihn nur mittelmäßigen Zeit gewonnen. Hat er etwas falsch gemacht? Ich denke nicht.

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