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Vor 10 Jahren in einem Fernsehstudio in der Nähe von Köln. Es ist 13 Uhr, die Gänge und Aufenthaltsräume sind voll mit Kandidaten für die berühmte Spielshow „Millionenshow“, die österreichische Ausgabe von „Wer wird Millionär“.

Kennen Sie das Format? Je Sendung gibt es 10 Kandidaten, die darum spielen in die Mitte zu kommen, wo das eigentliche Spiel erfolgt. Der Moderator – in Deutschlang Günther Jauch, in Österreich Armin Assinger – stellt Fragen, auf die es je 4 Antwortmöglichkeiten gibt. Gestartet wird bei 100 Euro, wenn man die Frage richtig beantwortet, wird verdoppelt. Und nach 15 richtigen Antworten hat man 1 Million Euro gewonnen. Theoretisch jedenfalls, denn besonders häufig kommt das nicht vor. J

Zurück in Köln. Die Anspannung unter den Kandidaten lässt sich fast mit Händen greifen. Dabei dauert es noch ein paar Stunden, bis die Aufzeichnung der Sendung endlich beginnt.

In der hintersten Ecke eines Abstellraums sitzt ein junger Mann am Boden mit seinem Notebook. Er starrt gebannt auf den Bildschirm, dann hämmert er plötzlich wie wild darauf ein. Nicht auf die Tastatur, auf den Bildschirm. Dann lehnt er sich zurück, atmet sichtbar durch. Kurz darauf starrt er wieder wie gebannt auf den Bildschirm, und wieder hämmert darauf ein, als ginge es um sein Leben.

„Was machst Du da?“

Eine junge Frau etwa im gleichen Alter nähert sich mit einer Tasse Kaffee.

„Ich übe.“

„Du übst… was?“

Der junge Mann blickt vom Bildschirm auf. Er sieht sich um.

„Wann bist Du dran.“

„Um Vier.“

Der junge Mann scheint mit der Antwort zufrieden zu sein.

„Ich erst um halb sechs. Ich will heute Abend in die Mitte kommen und um die Million spielen“.

„Klar, wer will das nicht.“

„Dafür übe ich.“

„Du übst was?“

„Ich übe dafür in die Mitte zu kommen. Schau!“

Er zeigt auf den Bildschirm des Notebooks. Oben ist eine Frage eingeblendet: „Ordnen Sie die Flüsse dem passenden Kontinent zu: Wolga, Nil, Amazonas, Mekong.“

Darunter vier Felder, in denen steht: A: Südamerika, B: Afrika, C: Nordamerika, D: Europa.

Sie lacht laut auf: „Donau – Europa, Nil –  Afrika, Amazonas – Südamerika, Mekong -Nordamerika…?? Da stimmt was nicht ganz.“

Jetzt muss auch der junge Mann lachen. „Das haben Freunde für mich ausgefüllt. Die haben das wohl nicht alle gleich sorgfältig gemacht.“

„Und wie funktioniert das?“

„Ganz einfach. Auf Knopfdruck wird die Frage eingeblendet. Nach fünf Sekunden kommen dann die vier Antworten. Ab dann stoppe ich die Zeit. Ich messe, wie lange ich brauche, um die Aufgabe zu lösen.“

„Darf ich mal probieren?“

„Klar, Du bist ja nicht in der gleichen Runde und keine Konkurrenz. Du bist wirklich um16 Uhr dran, oder?“

„Klar.“

Die junge Frau nimmt sich das Notebook. Sie starrt auf den Bildschirm. Dann hämmert auch sie darauf ein, so wie der junge Mann vorhin. Dann noch einmal. Und noch einmal.

„Wie lange habe ich gebraucht?“

„Dein bestes war 5, Dein langsamstes ungefähr 10 Sekunden.“

„Und um in die Mitte zu kommen braucht man?“

„Unterschiedlich. Mit 4 Sekunden bist Du fast immer dabei, manchmal auch mit 7.“

„Das heißt ich wäre eher nicht dabei. Wie lange brauchst Du?“

„Kommt darauf an, wie schwierig es ist. Mein bestes waren 3 Sekunden, in 5 Sekunden schaffe ich es eigentlich immer. Das heißt, wenn ich die Frage beantworten kann.“

„Irgendwelche Tipps?“

Der junge Mann sieht sie prüfend an.

„Was bekomme ich dafür?“

„Wie, Du willst Geld.“

Dem jungen Mann ist es ernst

„Wenn Du heute in Mitte kommst.“

Er macht eine Pause

„und mindestens 10.000 Euro gewinnst“

sie sieht ihn mit großen Augen an

„dann zahlst Du mir heute Abend ein Bier“.

Sie lacht. „Wenn Du mir hilfst heute in die Mitte zu kommen und ich mehr als 10.000 Euro gewinne, dann zahle ich Dir heute Abend sogar zwei Bier.“

„Einverstanden.“

„Also, das Wichtigste ist: üben.“

„Das ist alles? Dafür gibt’s noch kein Bier.“

„Ich habe noch einen weiteren Tipp. Dir ist vielleicht schon aufgefallen, dass es zwei unterschiedliche Arten von Fragen gibt.“

„Hm, nein.“

„Hör zu, es gibt zwei unterschiedliche Arten von Fragen, die Du unterschiedlich angehen musst. Wenn Du das machst, dann sparst Du Dir zwei Sekunden.“

„Glaub ich nicht.“

„Ist aber so. Schau. Bei der ersten Art von Fragen geht es um die Reihenfolge. Also zum Beispiel:

‚Reihen Sie die folgenden Raubtiere nach dem Maximalgewicht. Das schwerste zuerst‘.

A: Luchs,

B: Tiger,

C: Löwe,

D: Eisbär.

Sie denkt kurz nach. „Ich würde sagen Eisbär, Tiger, Löwe, Luchs.“

„Würde ich auch sagen. Ich meine aber die Art der Frage. Wenn Du irgendwas in eine Reihenfolge bringen willst, dann musst Du auch alle möglichen Antworten lesen, bevor Du auf die Antwort-Knöpfe drückst.“

„Ja und?“

„Es gibt noch eine andere Art von Fragen. Dabei geht es um die richtige Zuordnung“.

„Du meinst, wie bei den Flüssen und den Kontinenten?“

„Genau. Und jetzt kommt mein Tipp. Wenn Du die Frage liest, dann erkennst Du sofort, ob es eine Reihenfolge-Frage ist oder eine Zuordnungs-Frage.

Mit Reihenfolge-Frage meine ich Land von Nord nach Süd oder von groß nach klein, Tier nach Größe, Gewicht, Geschwindigkeit oder Körperbehaarung.

Mit Zuordnungsfrage meine ich wer kommt aus welchem Land, wer hat welchen Vornahmen, wer heißt in Wirklichkeit wie.

Wenn eine Reihenfolge-Frage kommt, dann liest Du alle Antworten rasch und konzentriert durch und klickst sie dann nach der Reihe an. Keine Tipps, da musst Du einfach schnell sein.

Wenn aber eine Zuordnungs-Frage kommt, machst Du das anders. Du liest nicht alle Antworten konzentriert durch. Du suchst Dir die erste Antwort zum ersten Begriff, die zweite Antwort zum zweiten Begriff und die dritte Antwort zum dritten Begriff.“

„Und die vierte?“

„Die vierte machst Du gleichzeitig mit der dritten, weil sie als einzige überbleibt.“

„Und das bringt…?“

„Zwei Sekunden.“

„Hm, das ist dann wohl der Unterschied zwischen in die Mitte kommen und Sitzenbleiben und den anderen beim Gewinnen zusehen.“

„So sehe ich das auch.“

„Darf ich nochmal probieren?“

Vier Stunden später. Es ist 17 Uhr 30, und die Anspannung ist zu einer allgemeinen Gereiztheit geworden. Es ist keine angenehme Stimmung, die in den Gängen, in den Aufenthaltsräumen und im Studio herrscht. Man kann sie förmlich greifen, und jetzt auch riechen.

Der junge Mann sitzt gemeinsam mit neun anderen Kandidaten im Halbkreis um die Bühne. Der Moderator macht noch ein paar Witze zur Auflockerung. Die Kandidaten erreicht er damit nicht mehr. Die wollen es jetzt nur noch hinter sich bringen.

Die erste Frage.

„Ordnen Sie diesen Künstlern Ihre Herkunftsländer so zu: Miró – Magritte – Degas – Chagall!

A: Russland,

B: Belgien,

C: Spanien,

D: Frankreich

Den meisten Kandidaten sieht man den Versuch intensiver Konzentration an, allerdings nur kurz. Wo ordnet man vier Künstler hin, die sich alle ganz eindeutig nach Frankreich anhören? Kennt jemand die richtige Antwort?

Jetzt die Auflösung, Miró kommt aus Spanien, Magritte aus Belgien, Degas aus Frankeich und Chagall aus Russland.

Man lernt nie aus, denkt sich der junge Mann. Immerhin, zwei Kandidaten wissen es, der schnellere trägt Bart und kommt mit einer Zeit von 8 Sekunden in die Mitte.

Er schlägt sich tapfer. Wie weit er kommt, das registriert der junge Mann nicht, zu ausgelaugt ist er nach dem langen Nachmittag im Studio.

Die verbleibenden 9 Kandidaten im Halbrund interessiert nur eines: Wie lange dauert es noch? Wird es eine zweite Auswahlrunde geben? Eine gibt es immer, meistens zwei, alles andere ist selten.

Es zieht sich. Endlich, der Bärtige weiß nicht mehr weiter. Eine neue Auswahlrunde. Die Chance!

Wieder hört man hört den Moderator

„Setzen Sie diese Zahlenreihe richtig fort: 10 – 7 – 9 – 6 – 8“

A: 4,

B: 5,

C: 6,

D: 7

Der junge Mann wittert seine Chance. Mit Zahlen ist er gut. Nur, was ist das bloß für eine Reihe? Er denkt fieberhaft nach. Fibonacci? Blödsinn, nicht so kompliziert denken!

Da, endlich sieht er das Muster: minus 3, plus 2.

Also muss es so weitergehen,  5 – 7 – 4 – 6

Aber er hat lange gebraucht. Zu lange?

Der Moderator liefert die Auflösung. Die Antwort passt. Jetzt nur die Frage, war er schnell genug?

Wieder haben zwei Kandidaten die Frage richtig beantwortet. Der junge Mann in 5 Sekunden… 🙂

Und seine Nachbarin links neben ihm in 4.

„Verdammt, das war’s. Aus. Zur Millionenshow als Zuschauer gefahren, das darf doch nicht wahr sein“, denkt sich der junge Mann.

Den Auftritt der Kandidatin in der Mitte sieht er wie durch einen Schleier. Am liebsten würde er rausgehen. „Kann das jetzt bitte endlich bald vorbeisein!“

Plötzlich ist Schluss. Überraschte Blicke in die Runde. Die Kandidatin ist über eine vergleichsweise einfache Frage gestolpert. Gibt es vielleicht doch noch eine Chance? Eine dritte Auswahlrunde in dieser Sendung? Bange Sekunden.

Tatsächlich, es gibt sie, die dritte Auswahlrunde! Jetzt oder nie!

Wieder hört man den Moderator:

„Bilden Sie die Namen bekannter Musikgruppen: Pussycat – Kaiser – Arctic – White.“

A: Chiefs,

B: Monkeys,

C: Dolls,

D: Stripes

Die meisten Kandidaten sehen sich hilflos um. Was soll das denn bitte sein? Das weiß keiner, oder? Vielleicht gibt es ja noch eine vierte Runde? Nur der junge Mann hämmert wie wild auf den Bildschirm ein.

Der Moderator präsentiert die Lösung:

Pussycat Dolls

Kaiser Chiefs

Arctic Monkey

White Stripes

Nach langen Sekunden des Wartens endlich das Ergebnis. Der junge Mann hat das Rennen gemacht. Als einziger Kandidat wusste er die richtige Antwort. In 3,6 Sekunden.

Er atmet tief durch und geht rasch in die Mitte zum Moderator. Das könnte doch noch ein richtiger guter Tag werden. Zwei Biere am Abend hat er schon, vielleicht wird es ja noch mehr! J

 

Hat Ihnen meine kleine Geschichte gefallen?

Mir ist natürlich bewusst, dass die Situation in der „Millionenshow“ eine sehr spezielle ist. Und die Probleme, mit denen man in einer solchen Sendung konfrontiert wird, sind natürlich ganz andere als die, mit denen wir es im richtigen Leben zu tun bekommen.

Jedoch, die Herangehensweise an die Probleme ist nicht unähnlich. Und das ist auch der Grund, warum ich Ihnen diese relativ frei erfundene Geschichte erzählt habe.

Im Fernsehen wie im Job sollten Sie das Problem verstehen, bevor Sie es lösen. Und wenn sie das Problem besser verstehen, dann kommen sie auch auf die besseren Lösungsvorschläge.

Jetzt stellen sich natürlich noch ein paar Fragen

  • Was genau ist das Problem in der konkreten Situation in der Millionenshow?
  • Wie kann man an das Problem herangehen?
  • Was sind gute Lösungen? Und schließlich
  • Hatte der junge Mann eine gute Lösung?

Diese Fragen möchte ich in meinem nächsten Podcast betrachten. Ich hoffe Sie finden das ähnlich spannend wie ich!

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