APL 052: Das Cynefin Framework. Ein geniales Modell rund um komplexe Fragestellungen

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Heute gibt es wieder eine dieser Podcast-Episoden, die im Titel ein Wort haben, das möglicherweise neu für Sie ist: Cynefin

Ich persönlich finde das extrem schade, weil Cynefin ein geniales Modell ist, das man an vielen Stellen einsetzen kann, und das echten Mehrwert bietet, wenn es darum geht Situationen einzuschätzen und Handlungsalternativen abzuleiten.

Cynefin ist eine Erfindung von Dave Snowden, einem walisischen Wissenschaftler, nicht zu verwechseln mit Edward Snowden, dem Whistleblower. Dave Snowden ist also Waliser, und Cynefin ist ein walisisches Wort, und da fallen Schreibweise und Aussprache für den gelernten Mitteleuropäer ein wenig auseinander. Cynefin bedeutet unter anderem „Lebensraum“ oder „Platz“. Es hat aber auch noch eine ganze Menge andere Bedeutungen, und das ist auch der Grund, warum Dave Snowden genau diesen Begriff gewählt hat.

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Hier die Website von Dave Snowden: http://cognitive-edge.com/

Was ist nun Cynefin? Cynefin ist ein Modell um Probleme, Situationen und Systeme in Bezug auf ihre Komplexität zu beschreiben und einzuordnen.

Wozu braucht man Cynefin? Nun Cynefin hilft einem zu verstehen, dass Situationen, Probleme und Systeme sehr unterschiedlich strukturiert sein können. Und dass verschiedene Arten von Situationen, Problemen und Systemen unterschiedliche Charakteristika haben und unterschiedliche Herangehensweisen erfordern. Soweit so einfach, und gleichzeitig genial.

Wie sieht das Cynefin-Modell aus? Es hat 5 Domänen, zur besseren Verständlichkeit würde ich sie einfach „Felder“ nennen. Und es geht davon aus, dass jedes System und jedes Problem in eines dieser fünf Felder passt.

 

Das erste Feld rechts unten heißt „Offensichtlich“, in älteren Darstellungen auch „Einfach“. In diesem Feld finden sich Probleme, bei denen der Zusammenhang von Ursache und Wirkung offensichtlich ist. Es handelt sich um Probleme, die bekannt sind, für die es eine einfache und klare Lösung gibt. Die Lösung des Problems verlangt vergleichsweise wenig Know-how.

Um ein Beispiel zu nennen. Die meisten Probleme, die ein Helpdesk oder Call Center löst, fallen in diese Kategorie. Im Feld „Offensichtlich“ lautet die Handlungsempfehlung Erkenne – Beurteile – Reagiere. Und genau das macht ein Helpdesk-Mitarbeiter ja. Er oder sie lässt sich das Problem schildern, beurteilt das Problem und reagiert dann darauf. Das Feld „Offensichtlich“ ist das Einzige, in dem lt. Dave Snowden die Anwendung von „Best Practices“ sinnvoll und möglich ist, und auch das sieht man bei einem Helpdesk häufig. Da gibt es definierte Abläufe, an die sich der Mitarbeiter hält, und die das Problem des Anrufers bestmöglich lösen.

Das zweite Feld, recht oben, ist „Kompliziert“. In diesem Feld finden sich Systeme, bei denen der Zusammenhang von Ursache und Wirkung zwar eindeutig ist, aber nicht unmittelbar für alle ersichtlich, also eben nicht offensichtlich. Man hat zwar eine Vorstellung davon, wie das Problem gelagert ist, und welche Fragen man beantworten muss, um zu einer Lösung zu kommen, man muss den Themen aber auf den Grund gehen, und dafür braucht es häufig Experten Know-how.

Im Feld „Kompliziert“ lautet die Handlungsempfehlung Erkenne – Analysiere – Reagiere. Beim Feld „Offensichtlich“ war es Erkenne – Beurteile – Reagiere, und hier ist es Erkenne – Analysiere – Reagiere, weil man aufgrund der Kompliziertheit nicht unmittelbar in die Beurteilung gehen kann, sondern das Problem zuerst analysieren muss. Im Feld „Kompliziert“ ist lt. Snowden die Anwendung von sogenannten „Good Practices“ möglich. Das Feld „Kompliziert“ ist die typische Welt der Experten. Denken wir an das häufige Synonym für Kompliziertheit, den Bauplan einer Boeing 747. Den kann man auch anders zeichnen. Aber irgendwie so ähnlich wie eben eine 747 wird er aussehen.

Das dritte Feld, links oben, heißt „Komplex“, und hier wird es erstmals richtig spannend. Dieses Feld hat einige Eigenschaften, die – lt. Dave Snowden – für so manchen schwierig zu akzeptieren sind. Im Feld Komplex können Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nur im Nachhinein wahrgenommen werden, nicht im Voraus. Daher lässt sich auch keine Aussage über die Zukunft machen, sondern nur über die Vergangenheit und über die Gegenwart.

Während wir im Feld „Kompliziert“ noch wussten, welche Fragen wir stellen müssen, um zu einer Lösung zu kommen, wissen wir hier nicht einmal das. Vielmehr müssen wir uns experimentell nähern. Und die Lösung erkennen wir erst als solche, wenn sie gefunden wurde. Dave Snowden nennt diese Lösungen Emergente Lösungen. Im Feld „Komplex“ lautet die Handlungsempfehlung Probiere – Erkenne – Reagiere. Wenn man ein Problem im Feld „Komplex“ vor sich hat, dann ist es häuig das Ziel das Problem – auch mit Hilfe von Teillösungen – in das Feld „Kompliziert“ zu bekommen und damit besser handhabbar zu machen.

Das vierte Feld heißt „Chaotisch“, und wie es sich für ein chaotisches System gehört gibt es schlicht keine stabile Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Die empfohlene Vorgehensweise hier ist Handle – Erkenne – Reagiere und das Ziel ist es damit irgendeine Form von Ordnung oder Stabilität zu etablieren. Schwere Krisen, Katastrophen oder Notfälle fallen häufig in diese Kategorie, wie etwas 9/11.

Und schließlich das fünfte Feld, „Unordnung“, manchmal auch „Verwirrung“ genannt, in der Mitte des Modells. Dieses Feld steht für Probleme, die wir noch nicht ausreichend verstanden haben, um sie in eines der anderen fünf Felder einzuordnen.

Die Grenzen zwischen den vier Domänen der Cynefin-Struktur sind durchlässig, die Übergänge fließend. Die Einordnung in eine Domäne oder eine andere ist daher nicht immer ganz einfach und hängt auch von unserer subjektiven Sichtweise und Einschätzung ab. Das Schöne an dem Modell ist aber, dass man sich, z.B. in einem großen Projekt mit dem Team hinsetzen kann, um dann unterschiedliche Fragestellungen und Probleme zu diskutieren und den einzelnen Feldern zuzuordnen. Weil es natürlich vorkommt, das ein großes komplexes Problem auch einfache oder komplizierte Elemente enthält. Und dieses Diskutieren an Hand des Cynefin-Framework hilft enorm dabei ein gemeinsames Verständnis zu erreichen.

Hier genau das ist dieser enorme Mehrwert, den das Cynefin-Modells bietet: es nötigt uns dazu uns erst einmal zu orientieren und zu hinterfragen, ob unsere Ansätze für ein bestimmtes System oder eine gewisse Problemstellung geeignet sind. Die Anwendung des Cynefin-Modells führt zu einem besseren Umgang mit Problemen.

Konkret hilft Cynefin bei den folgenden Punkten:

  • Der erste Schritt ist die Zuordnung aus dem Feld „Unsicherheit“ zu einem der 4 anderen Felder. Das ist ein sehr guter Startpunkt, weil wir eben nicht davon ausgehen, dass alle wissen, worum es sich handelt. Die ersten Diskussionen entstehen damit gleich zu Beginn.
  • Eine Methode um große Probleme handhabbarer zu machen, ist sie in kleinere Teile zu teilen. Cynefin zwingt mich dazu nicht an organisatorischen oder funktionalen Trennlinien zu schneiden, sondern an den Grenzen der Felder. Also nicht, darum kümmert sich der Vertrieb, darum die Produktion. Es kommen dann häufig Teile raus, die auch cross-funktional also durch übergreifende Teams bearbeitet werden müssen. Und das tut vielen Projekten und Problemen sehr, sehr gut.
  • Cynefin hilft das richtige Werkzeug für das richtige Problem zu finden. Zum Beispiel: Best Practice passt wirklich nur dann, wenn es einfach und gleichbleibend ist. In allen anderen Domänen funktioniert Best Practice nicht. Was nämlich gerne übersehen wird: „Best practice is past practice“.
  • Cynefin hilft die richtige Herangehensweise zu finden. Natürlich sind agile Methoden vielfach einsetzbar.
    • Wasserfall passt oft halt besser bei „Offensichtlich“ und „Kompliziert“
    • Agil bzw. Scrum passt oft halt besser bei „Komplex“
  • Cynefin hilft auch bei der Ressourcensteuerung
    • Häufig gibt es nämlich genügend Ressourcen für „Offensichtlich“ und „Kompliziert“, also für die Dinge, die man gut planen kann.
    • Knapp wird es aber bei „Komplex“, weil eben kaum planbar – gerade hier geht es aber häufig um viel, viel mehr. Probleme etwa, die mit dem Markt, mit unseren Kunden zu tun haben, sind häufig komplex. Und wenn wir die nicht gut lösen, dann wird es schwierig.
  • Wenn ich bisher immer nur mit Problemen aus dem Feld „Offensichtlich“ zu tun hatte, oder wenn ich das glaube – dann hilft Cynefin dabei den Blick zu weiten für neue / andere Zugänge

Einen wirklich genialen Aspekt des Cynefin-Modells gibt es noch. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass es unten in der Mitte, zwischen den Domänen „Offensichtlich“ und „Chaotisch“ so eine kleine Schleife gibt. Dave Snowden bringt damit zum Ausdruck, dass auch der Sprung von „Offensichtlich“ zu „Chaotisch“ möglich ist.

Man denke hier nur an etablierte Technologien und Unternehmen, die sich im Sinne von „Best Practice“ nur mehr optimieren, dabei aber auf den regelmäßigen Blick über den Tellerrand vergessen. Denen kann es durchaus passieren, dass sie von einem vollkommen kontrollierten Zustand ins Chaos geworfen werden. Als Beispiel fällt mir die Firma Kodak ein. Die waren hochprofitabel und ausoptimiert. Dann gab es plötzlich Digitalkameras. Und dann gab es plötzlich die Firma Kodak nicht mehr.

 

Wenn Sie Cynefin auch so genial finden wie ich – was ich hoffe – dann hängen Sie das Modell doch beim nächsten großen Problem oder beim nächsten großen Projekt an die Wand und diskutieren SIe offen im Team, welche Aspekte in welche Domäne gehören. Das könnte spannend werden! J

Schreiben Sie mir gerne, wie es Ihnen gegangen ist!

[rawr]

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