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Wenn Sie ein Problem haben, das Sie lösen wollen, dann brauchen Sie unter anderem Offenheit und Kreativität. Und Sie brauchen beides vor allem an zwei Stellen im Problemlösungsprozess:

  1. Wenn es darum geht ein Problem verstehen, und
  2. Wenn es darum geht Lösungsoptionen zu erarbeiten

Beim zweiten Punkt „Lösungsoptionen“ ist das jedem sofort klar. Na sicher, wir brauchen ja kreative, innovative, neue, besondere Lösungen.

Aber beim Verstehen eines Problems?

Ich bin der Meinung, dass Offenheit und Kreativität auch beim Verstehen eines Problems sehr wichtig sind. Wenn es ein Problem gibt, dann kommt einem meist sofort eine mögliche Ursache für das Problem in den Sinn. Wir Menschen scheinen da eine Art von Automatismus eingebaut zu haben. Und der geht so:

Es gibt ein Problem A? Dann muss B die Ursache sein!

Oder auch

Es gibt ein Problem X? Sicher ist Y schuld!

Häufig liegen die Ursachen für ein Problem aber woanders, als man im ersten Moment meint. Und wenn Sie sich nicht um Offenheit bemühen, dann kommen Sie gar nicht darauf, dass es eine andere Ursache als die offensichtliche überhaupt geben könnte.

Und Kreativität? Kreativität brauchen Sie um auf andere mögliche Ursachen zu kommen, als die naheliegende Ursache, die Ihnen sofort einfällt.

Unterschätzen Sie bitte den ersten Schritt nicht, also offen für anderes als das Offensichtliche oder das Naheliegende zu sein! Zum einen kostet es Überwindung eben nicht dem Impuls oder dem Gedanken zu folgen, den uns unser Kopf oder unser Bauch vorgibt. Zum anderen kann es Widerstand geben. Wenn Sie in einer Gruppe sind, und jeder eine Meinung zur Ursache hat, und diese Meinungen auch noch in die gleiche Richtung weisen, warum bitte soll man da noch darüber nachdenken, was sonst noch die Ursache sein könnte?

Die Antwort ist einfach: wenn wir nicht die richtige Ursache oder die richtigen Ursachen identifiziert haben, dann lösen wir das Problem nicht. Eine solche gedankliche Schleife zu Beginn, also zu dem Zeitpunkt, wo es um das Verstehen des Problems geht, kostet zwar Zeit. Allerdings ist es sehr gut investierte Zeit, wenn man im Anschluss in die richtige Richtung läuft.

Ich persönlich bin häufig derjenige, der in einer Gruppe die herrschende Meinung in Frage stellt. Ich mag es, wenn die Gruppe sich an mir reibt, und ich mich an der Gruppe. Das mag aber nicht jeder. Unterschätzen Sie also den Widerstand nicht, und unterschätzen Sie auch nicht die Überwindung, die es Sie möglicherweise kostet die unbequeme Meinung zu vertreten, dass das Offensichtliche und das Naheliegende hinterfragt werden soll.

Nehmen wir hier einmal an Sie haben den ersten Schritt gemeistert, Sie sind offen. Das heißt Sie haben verstanden, dass Ihr erster Impuls, Ihre erste Vermutung zur Ursache des Problems richtig sein kann, aber nicht richtig sein muss.

Im nächsten Schritt sollten Sie diese Offenheit nutzen und verschiedene mögliche Ursachen ans Licht bringen. Und dazu brauchen Sie Kreativität.

Ich weiß nicht, welche Erfahrung Sie gemacht haben. Meine Erfahrung ist, dass genau jetzt jemand sagt: „Wir brauchen Kreativität? Dann machen wir doch ein Brainstorming!“.

Kennen Sie das?

In meiner Wahrnehmung passiert dann ganz häufig folgendes:

  • Es wird einfach mal begonnen Gedanken und Ideen in die Runde zu werfen.
  • Manche sagen etwas, andere nicht.
  • Wenn eine Kollegin oder ein Kollege etwas zur Sprache bringt, was den eigenen Vorstellungen widerspricht, dann quittiert man das mit einem Kopfschütteln oder eine abschätzigen Geste, gerne auch mit Widerspruch, quasi Gegenangriff.

Wie lange dauern solche „Brainstormings“ üblicherweise? Ich würde sagen nach fünf Minuten ist der Spuk meistens vorbei.

Aber hat das, was da geschehen ist, besonders viel mit Brainstorming zu tun? Werfen wir einen kurzen Blick darauf, was Brainstorming eigentlich sein sollte:

  • Brainstorming ist ein Werkzeug des divergierenden Denkens. Divergierendes Denken braucht es immer dann, wenn es gilt Optionen zu entwickeln.
  • Brainstorming beginnt damit, dass eine Frage klar formuliert und aufgeschrieben wird.
  • Dann wird eine Ideenquote gesetzt, also eine erforderliche Anzahl von Ideen, die erreicht werden soll, bevor das Brainstorming beendet werden kann.
  • Jeder Teilnehmer soll und darf seine Gedanken und Ideen frei vorbringen.
  • Alle Beiträge werden durch die Teilnehmer selbst oder durch einen Moderator schriftlich festgehalten. Das kann man mit einem Flipchart machen, oder auch mit Kärtchen, die man auf eine Pinnwand gibt.
  • Es ist erlaubt an bereits vorgebrachte Ideen anzuschließen, im Sinne einer Fortführung.
  • Es ist nicht erlaubt eine vorgebrachte Idee zu bewerten, in Frage zu stellen oder zu diskutieren. Das Prinzip lautet „Wertungen werden zurückgestellt“.
  • Es geht darum den Ideenraum aufzumachen, daher gilt „Quantität vor Qualität“.

Soweit zum Brainstorming, wie es sein sollte.

Fällt Ihnen etwas auf?

Genau, das was häufig als Brainstorming bezeichnet wird, wenigstens in meiner Erfahrung, hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was Brainstorming eigentlich sein sollte.

Und das ist der erste Grund, warum ich Brainstorming nicht besonders mag. Es ist ein verbrauchter Begriff, aufgeladen mit vielen, vielen falschen Vorstellungen. Was häufig als Brainstorming bezeichnet wird, verdient diesen Namen nicht.  Was häufig als Brainstorming bezeichnet wird, das ist in Wirklichkeit eine Diskussion, bei der Standpunkte ausgetauscht und verhandelt werden. Es ist aber keine geeignete Vorgehensweise um den Ideenraum aufzumachen und neue Gedanken und Ideen hervorzubringen, zu teilen und weiterzuentwickeln.

Das ist meine erste Kritik am Brainstorming. Das arme Brainstorming möchte ich fast sagen, denn für diesen Missbrauch kann es selbst nichts! J

Jetzt könnten wir sagen, gut, jetzt wo wir wissen, wie es geht, machen wir es halt richtig. Und wenn der Begriff „Brainstorming“ verbraucht und verbrannt ist, dann geben wir dem Ganzen doch einen anderen Namen. Und alles ist gut.

Aber ist dann wirklich alles gut?

Ich behaupte nein, denn das Brainstorming trifft noch eine weitere Vorannahme, die nur selten anzutreffen ist. Und diese Vorannahme ist eine Teilnehmergruppe, deren Teilnehmer ihre Gedanken und Ideen frei äußern wollen und frei äußern dürfen.

Was meine ich damit?

Sie haben regelmäßig Menschen dabei, die möglicherweise glänzende Ideen haben, denen es aber unangenehm ist sich zu exponieren. Was machen diese Menschen bei einem Brainstorming – und ich meine hier das richtige Brainstorming?

Sie halten sich zurück. Und damit kommen ihre Ideen nicht an die Oberfläche und können nicht genutzt werden. Selbst wenn es einen Moderator gibt, der sie aktiv einbindet, kann es sein, dass sie nur bereits vorgebrachte Ideen unterstützen, nicht aber ihre eigenen Ideen vorbringen. Die Ideen dieser Menschen kommen bei einem Brainstorming häufig nicht zum Vorschein. Das ist schade, denn die allermeisten Menschen haben sehr gute Ideen.

Und es gibt noch einen Aspekt. Jedes Unternehmen, jeder Bereich, jede Abteilung, jede Gruppe hat eine eigene Kultur, mit eigenen Regeln und ungeschriebenen Gesetzen. Einige Regeln, die einen offen geführten kreativen Prozess stören können sind zum Beispiel

  • Wie es bisher war, ist es richtig, oder
  • Stell dich nicht gegen die Gruppe, oder
  • Unterstütze die Meinung der Mehrheit, oder
  • Widersprich deinem Vorgesetzten nicht

Und Menschen akzeptieren diese Regeln und ungeschriebenen Gesetze. Das hat zur Folge, dass gewisse Gedanken und Ideen nicht geäußert werden dürfen. Und dann werden sie auch nicht geäußert. Das Ergebnis ist ein Brainstorming mit blinden Flecken. Je restriktiver die Regeln und ungeschriebenen Gesetze sind, desto mehr und größer sind die Themenbereiche, die komplett ausgeklammert bleiben.

Das ist der zweite Grund, warum ich nicht gerne ein Brainstorming mache.

Im Umkehrschluss heißt das gleichzeitig: wenn Sie eine Gruppe haben, die offen arbeiten will, kann und darf. Wenn Sie eine Gruppe haben, in der sich alle Teilnehmer frei äußern wollen. Wenn die ungeschriebenen Regeln und Gesetze Sie nicht an der Arbeit hindern, dann machen Sie ruhig ein Brainstorming. Aber nur dann.

Wenn das nicht der Fall ist, und es ist in den meisten mir bekannten Fällen nicht der Fall, dann mache ich lieber etwas anderes, nämlich ein Brainwriting. Brainwriting ist die ruhige Form des Brainstorming. Und es funktioniert überraschend einfach.

  • Die ideale Gruppengröße sind sechs Teilnehmer, es können aber auch mehr oder weniger Teilnehmer sein.
  • Wie beim Brainstorming beginnt das Brainwriting damit, dass die Frage klar formuliert und aufgeschrieben wird.
  • Jeder Teilnehmer erhält ein Blatt, das in drei Spalten und drei Zeilen unterteilt ist.
  • Jeder Teilnehmer schreibt drei Gedanken oder Ideen zu der vorgegebenen Frage in die drei Kästchen der obersten Zeile.
  • Nach fünf Minuten werden die Blätter getauscht, im Uhrzeigersinn, gegen den Uhrzeigersinn oder kreuz und quer.
  • Dann sieht sich jeder Teilnehmer die Gedanken und Ideen in der ersten Zeile an und schreibt darunter, also in die zweite Zeile in jedes der Kästchen einen darauf aufbauenden Gedanken oder eine darauf aufbauende Idee.
  • Nach fünf Minuten wird nochmals getauscht und die dritte Zeile befüllt.
  • Das Ergebnis sind 9 Gedanken und Ideen jedes Teilnehmers, auf drei verschiedenen Blättern.

Diese Technik hat zwei Vorteile gegenüber dem Brainstorming. Sie gibt den eher zurückhaltenden Teilnehmern eine Möglichkeit ihre Ideen einzubringen ohne sich zu exponieren. Und sie kommt durch die vergleichsweise anonyme Vorgehensweise auch zu Gedanken und Ideen, die eher nicht laut ausgesprochen würden, weil sie den ungeschriebenen Regeln widersprechen.

Am Ende einer solchen Übung haben Sie also viele Gedanken und Ideen, vielleicht zu dem einen oder anderen Tabu-Thema und Sie haben Gedanken und Ideen aller Teilnehmer.

Und damit haben Sie erreicht, was Sie wollten. Sie erinnern sich, es geht, darum ein Problem besser zu verstehen und mögliche Ursachen auf den Tisch zu bringen

Wie Sie weiter vorgehen, das heißt wie Sie von dieser Vielzahl von möglichen Ursachen auf die tatsächliche Ursache oder die tatsächlichen Ursachen kommen, das sehen wir uns beim nächsten Mal an.

Es gibt natürlich noch andere Kreativitätstechniken, die das divergierende Denken unterstützen. Ich möchte es vorläufig bei Brainstorming und Brainwriting belassen, im Laufe dieses Podcasts wird uns aber sicher noch die eine oder andere weitere Technik begegnen.

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