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Vielleicht kennt Ihr das, Deine Kinder oder Deine Eltern fragen Dich, was Du eigentlich beruflich machst. Und wenn Du Bäcker oder Bauer bist, dann geht das, dann haben die ein Bild davon, wie Deine Arbeit aussieht. Wenn Du Arzt, Steuerberater oder Anwalt bist, o.k., geht auch noch, aber spätestens wenn Du in der IT bist oder noch schlimmer in der Beratung wird es schwierig.

Genau vor dieser Situation bin ich in letzter Zeit öfter gestanden. Meine Kinder haben mich gefragt. Papa, was arbeitest Du eigentlich? Weil der Papa vom Beni ist Arzt, aber was machst Du die ganze Zeit im Büro gehst? Und dann habe ich kurz überlegt, ob ich mit Kompetenzfeldern und Problemlösen anfangen soll. Nur ganz kurz, da habe ich nicht lange überlegen müssen. So wird das nichts. Stattdessen habe ich mir eine Geschichte ausgedacht. Und die geht so:

An einem Gebirgsbach in der kanadischen Wildnis lebt ein Biber. Wie es sich für einen Biber gehört, ist er ein Spezialist im Dammbau. Er baut einen schönen Damm, der das Wasser des Gebirgsbachs aufstaut. So ist der Eingang zu seiner Biberburg unter Wasser, und seine Kinder sind vor den Angriffen des Fuchses geschützt. Denn der Fuchs kann nicht schwimmen, und tauchen erst recht nicht. Eines Tages beginnt der Wasserspiegel im Stausee des Bibers zu sinken. Der Grund ist schnell gefunden. Es fließt viel weniger Wasser im Bach als gewohnt. Der Wasserspiegel sinkt also. Erst nur wenige Zentimeter, aber Stunde um Stunde wird das Wasser weniger und weniger.

Natürlich schaut der Biber zuerst nach, was die Ursache sein könnte. Er watschelt also bachaufwärts. Sehr weit kommt er allerdings nicht, Biber sind nicht so gut zu Fuß. Und die Ursache findet er auch nicht.

Also tut er, was zu tun ist. Der Biber schafft Baumaterial herbei, wirft sein gesamtes Biber Know-how in die Waagschale. Er macht den Damm stärker und dichtet ihn zusätzlich ab. Der Wasserspiegel stabilisiert sich. Doch schon am nächsten Tag sieht er, dass ein besserer Damm das Problem nicht löst, der Wasserspiegel sinkt langsam und stetig weiter.  Eine Nacht noch, nicht länger, dann kann der Fuchs trockenen Fußes den Eingang des Biberbaus erreichen. Der Biber denkt an seine drei neugeborenen Kinder, nicht mehr als kleine, weiche Fellknäuel, vollkommen wehrlos.

Ein gutes Stück bachaufwärts macht der Bär auf der Suche nach Honig eine spannende Entdeckung. Der Baum mit einem seiner bevorzugten Bienennester ist umgestürzt. Noch schlimmer, der Baum ist in den Bach gefallen, das Bienennest ist kaputt, hier gibt es nichts mehr zu holen.

Hoch oben zieht der Adler seine Kreise. Rasch ist ihm klar, dass die Not des Bibers und die Sorge des Bären miteinander zu tun haben.

Eines aber tut der Adler nicht. Er fliegt nicht zum Biber runter und erklärt ihm die Lage. Adler und Biber mögen sich nämlich nicht so besonders. Sie sind doch sehr unterschiedliche Wesen. Während den Biber die ruhelose Flatterhaftigkeit des Adlers stört kann der Adler mit der fleißigen und fokussierten Art des Bibers wenig anfangen.

Zurück zum Biber. Der sitzt am Rande seines Stausees. Er ist erschöpft von der harten Arbeit, und er ist verzweifelt. Das Wasser wird weiter sinken, und in der Nacht wird der Fuchs kommen. Der Biber weiß nicht, wie er ihn aufhalten soll.

Da kommt der Bär angetrottet. Er ist ein gutmütiger Kerl, der mit allen Tieren gut auskommt und schon so manchen Streit geschlichtet hat. Er hat auf seinem Weg flussabwärts gute Beute gemacht und trägt noch einen Fisch im Maul, den er nicht mehr braucht. Er ist satt. Er setzt sich zum Biber und hört sich sein Problem an. Angelockt vom Geruch des Fischs lässt sich auch der Adler nieder. Bereitwillig teilt der Bär den Fisch in zwei Hälften und überlässt je eine davon Biber und Adler.

Während der Biber kaut, plaudert der Adler mit dem Bären, denn mit dem Bären plaudern alle gern. Der Adler erzählt dem Bären von dem Baum, der den Bach absperrt und umleitet. Jetzt sieht auch der Bär, was der Baum angerichtet hat. Als der Adler seinerseits kaut, besprechen Biber und Bär, was zu tun ist.

Der Weg zum Baumstamm ist weit, zu weit für den Biber, der nicht gut zu Fuß ist. Also nimmt der Bär den Biber auf den Arm und trägt ihn bachaufwärts. Als sie angekommen sind, macht sich der Biber sogleich an die Arbeit. Es ist schwieriger als gedacht. Der Baumstamm ist sehr dick. Aber nach mehreren Stunden hat der Biber den umgefallenen Baum entzwei genagt. Das Wasser fließt wieder im alten Bachbett. Der Wasserstand im Biber-Stausee steigt, die Familie des Bibers ist in Sicherheit. Das Problem des Bibers ist gelöst.

Als ich meinen Kindern diese Geschichte das erste Mal erzählt habe, habe ich ihnen weiter erklärt, dass ich anderen Menschen helfe bessere Adler zu werden. Das hätte ich besser bleiben lassen sollen. „Wie wird man denn ein Adler, wenn man nicht schon einer ist?“ und „Wie wird man denn zu einem besseren Adler?“ haben mich meine Kinder gefragt. Daran sieht man, dass auch Vergleiche ihre Grenzen haben.

Denn im beruflichen Alltag haben wir es beinahe täglich mit großen und weniger großen Problemen zu tun, und nur die allerwenigsten haben mit umgestürzten Baumstämmen zu tun. Eine Gemeinsamkeit gibt es allerdings zwischen dem geschilderten Problem und unseren täglichen Problemen im Unternehmen.

Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass es meist alle drei Kompetenzfelder braucht, um ein Problem lösen zu können. Es braucht Fachkompetenz, um das konkrete Problem fachlich angemessen zu lösen, in unserem Beispiel den Biber. Es braucht soziale Kompetenz, um all jene, die zur Lösung des Problems etwas beitragen können, an einen Tisch zu bringen und gemeinsam an einer Lösung arbeiten zu lassen, in unserem Beispiel den Bären. Und es braucht Methodenkompetenz, also übergreifende Methoden und Werkzeuge, um die richtigen Fragen zu stellen und das Problem zu strukturieren, in unserem Beispiel den Adler. Wenn alle Kompetenzen am Problemlösungsprozess beteiligt werden, dann kommt man schnell zu guten und wirksamen Lösungen.

Das ist allerdings noch nicht das Ende des Biber-Bären-Adler Modells. Mit Unterstützung einiger Experten habe ich einen Persönlichkeitstest entwickelt, mit dem man die Biber-, Bären- und Adler-Ausprägung bestimmen kann. Und dann habe ich mit gemeinsam mit ein paar Kolleginnen und Kollegen – allesamt erfahrene Projektmanager – angesehen, wie wir bei unterschiedlichen Projekten in der Vergangenheit aufgestellt waren, und wie die Projekte gelaufen sind. Dazu haben wir für die wesentlichen Projektmitarbeiter – meist war es das Projektkernteam – den Biber-Bären-Adler-Test ausfüllen lassen. Das Ergebnis haben wir in einem Dreibein dargestellt, bei dem auf jeder Achse die jeweilige Ausprägung aufgetragen wird. Verbindet man diese Punkte erhält man dann ein Dreieck, das je nach Persönlichkeit unterschiedliche Formen annimmt. Anschließend haben wir die Profile für jedes Projekt übereinander gelegt. Die Ergebnisse, die wir bekommen haben, waren überraschend eindeutig. Projekte die gut gelaufen sind, weisen immer wieder ganz ähnliche Charakterisitka auf. Dazu aber mehr in einer anderen Episode.

 

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