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Heute soll es um das Begriffspaar Effizienz und Effektivität gehen. Hört man ja auch ständig, oder? Vor allem Effizienz scheint heute ganz besonders wichtig zu sein, wenigstens, wenn man den Schlagzeilen unserer Zeitungen glaubt. Sehen Sie das auch so? Ich bin mir da ja nicht so ganz sicher.

Heute also Effizienz und Effektivität.

Zunächst eine Begriffsklärung, die Sie vielleicht kennen

  • Spricht man über Effektivität, dann hört man auf Englisch das ist „do the right things“, also die richtigen Dinge machen.
  • Und spricht man über Effizienz, dann heißt es „do the things right“, also die Dinge richtig machen.

Auf den ersten Blick ist das kein großer Unterschied, es sind ja nur zwei Worte in ihrer Reihenfolge vertauscht. Tatsächlich ist der Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz aber riesig.

Dazu ein anschauliches Beispiel: Stellen Sie sich vor Sie erklimmen die Karriereleiter. Wie schnell Sie die Karriereleiter hoch steigen, und wie hoch Sie kommen, hat mit Effizienz zu tun.

Ob diese Leiter aber – sinnbildlich – an der richtigen Wand lehnt, ist eine Frage der Effektivität.

Wenn Sie also schnell die Karriereleiter erklimmen, dann tun Sie das, was Sie gerade tun, richtig, Sie sind effizient. Aber nur wenn Sie die Leiter dorthin bringt, wo Sie auch wirklich hinwollen und sollen, nur dann sind Sie effektiv.

Und um es jetzt mal ganz deutlich auszusprechen, was hilft es Ihnen wenn Sie schnell und weit klettern, wenn die Leiter an der falschen Wand lehnt?

Meine persönliche Wahrnehmung: wir leben in einer Zeit, in der es in Europa, und hier meine ich vor allem die deutschsprachigen Länder, seit Jahren vor allem um Effizienz geht. Einer der besten Beispiele dafür ist aus meiner Sicht unser Bildungssystem:

  • Mehr und mehr Stoff an den Schulen
  • Die Bologna Reform an den Universitäten

Beides zahlt nur auf das Thema Effizienz ein.

Und auf der anderen Seite

  • Eine sehr geringe Bereitschaft an den Schulen und Universitäten Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, die schon heute hilfreich wären, und die man in Zukunft noch viel mehr brauchen wird. Zum Beispiel
    • Lerntechniken – ich habe bis heute nicht verstanden, dass man die Schule nicht damit beginnt den Schülern das Lernen systematisch zu lernen.
    • Gedächtnistraining – ähnlich wie Lerntechniken. Warum lernen wir den Schülern das nicht gleich zu Beginn? Ist nicht schwierig und würde vielen ungemein helfen.
    • Kommunikation – Die Herausforderung liegt doch heute nicht in noch mehr Wissen, noch mehr Stoff. Nein, die Herausforderung liegt darin sich gut zu vernetzen. Und dazu braucht es weiche Faktoren, unter anderem die Fähigkeit zu kommunizieren.
    • Verkaufen – jeder tut es, jeder braucht es, ich glaube das ist auch gut aus dem Interview mit Dirk Kreuter vor zwei Wochen herausgekommen. Aber frühzeitig vermitteln? Fehlanzeige!
    • Und natürlich mein Lieblingsthema: Methoden- und Problemlösungskompetenz. Auch das findet in der Schule und an den Unis so gut wie nicht statt.

Und verstehen Sie mich bitte richtig, ich bin ein großer Fan von Bildung, mir geht es gar nicht so sehr um Ausbildung. Aber auch Bildung darf einen Nutzen haben.

Ja, ich weiß, über Bildung zu diskutieren ist vielerorts ein Sakrileg. Aber ist es nicht so, dass Tabus genau die allerwichtigsten Diskussionen und Denkprozesse verhindern?

Nehmen wir Latein. Ich durfte das vor inzwischen fast dreißig Jahren auch lernen. Als wir damals als Schüler nach dem Nutzen gefragt haben, hat es geheißen, Gehirntraining einerseits und romanische Sprachen andererseits. Bloß, warum haben wir dann kein Gehirntraining gemacht, das uns auch konkret etwas bringt? Für gleich, für später, für irgendwann? Darauf gab’s keine vernünftige Antwort. Ich persönlich glaube, dass ich mehr Spaß an einem Unterrichtsfach „Schachspielen“ oder „Gedächtnistraining“ gehabt hätte. Und was den Nutzen betrifft: mit Anfang zwanzig bin ich zum Studium nach Italien gegangen. Mit null Sprachkenntnis. Nach einem halben Jahr konnte ich fließend Italienisch sprechen. Hat mir Latein dabei geholfen? Nein. Gar nicht. Aber schon wirklich überhaupt nicht. Für mich ist die Sache mit den romanischen Sprachen ein Schwindel.

Im Fall des Bildungssystems: hören wir doch bitte, bitte, bitte damit auf, das was wir seit 20 oder 40 oder 60 Jahren machen besser zu machen oder mehr davon zu machen. Denken wir doch bitte darüber nach, wohin wir damit wollen, und dann ändern wir es so, dass es uns auf dem Weg dorthin hilft.

Ja, mich bewegt das Thema Bildung, für mich ist das ein echtes Schmerzthema. Und dabei sind meine Kinder noch nicht einmal in der Schule.

Und ich halte diesen totalen Fokus auf Effizienz für ganz gefährlich, sowohl auf individueller Ebene als auch auf Unternehmensebene als auch auf Gesellschaftsebene. Natürlich geht es darum die Dinge richtig zu machen, besser und schneller zu werden. Ja schon. Aber bitte im zweiten Schritt.

Der erste Schritt – davon bin ich tief überzeugt – muss immer, immer, immer die Frage der Effektivität sein. Immer.

Warum?

Auf individueller Ebene wird das schnell klar. Wenn ich mein Leben nicht ausdrücklich als Frohn und Arbeit, nicht ausschließlich als Belastung sehe, dann geht es darum das Richtige zu tun. Was konkret das Richtige ist, hängt ganz stark davon ab, was ich will und was mir im Leben wichtig ist.

Um es mit Theodor Adorno zu sagen „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

Und „richtig“ kann individuell sehr unterschiedlich sein. Wenn Sie gut abgesichert sein wollen, dann gehen Sie in den öffentlichen Dienst oder sonst irgendwohin, wo es eine starke gewerkschaftliche Vertretung gibt. Wenn Sie in Führungsposition kommen wollen, dann streben Sie einen Job als Manager an. Wenn Sie reich werden wollen, werden Sie Unternehmer. Wenn Sie gar nicht arbeiten wollen, dann liebäugeln Sie mit der Sozialhilfe.

Nur wenn Sie das tun, was Ihre Bestimmung ist, nur wenn Sie auf dem Weg durchs Leben Ihren Zielen näher und näher kommen, nur dann sind sie effektiv.

Und bei Unternehmen ist es das Gleiche. Wenn Sie ein Produkt oder eine Dienstleistung haben, die der Markt will, und die Sie verkaufen können, fein, dann arbeiten Sie ab da an der Effizienz. Wenn nicht, oder wenn das nicht ganz sicher ist, ob Sie nah an den Bedürfnissen Ihres Kunden sind, dann hören Sie bitte, bitte, bitte damit auf effizienter zu werden und werden Sie effektiv. Tun Sie das Richtige. Und erst wenn Sie das sind, dann werden Sie wieder effizient.

Warum gibt es Disruption, warum werden alte Technologien überholt und alte Industrien geradezu hinweggefegt? Was kann Uber besser als ein Taxi, was kann AirBnb besser als ein Hotel, was konnte Apple besser als Nokia – auch wenn das schon wieder ein paar Jahre her ist? Diese Unternehmen haben ein Kundenbedürfnis besser befriedigt als die bisherigen Unternehmen, Sie waren also Effektiv.

Und interessant. Dass Uber und AirBnb ein Angebot haben, das günstiger ist als das der Wettbewerber, hat nichts mit Effizienz zu tun, sondern mit Effektivität. Warum? Weil Uber nicht besser oder richtiger Taxi fährt als die bisherigen Taxi-Unternehmen. Weil AirBnb nicht bessere Hotels baut und betreibt als bestehende Hotelketten. Die machen nicht etwas, das es schon gibt, besser. Die machen etwas anders. Sie machen das Richtige.

Ich möchte heute wirklich ein Plädoyer für mehr Effektivität abgeben.

Und ich denke es hilft auch ein paar Begriffe, die wir täglich benutzen, auf Ihre Verwandtschaft zu Effektivität und Effizienz abzuklopfen und einzuordnen.

Beginnen wir mit Prozess und Projekt.

Wenn Sie über Prozesse sprechen, sind Sie in der Welt der Effizienz. Wenn Sie über Projekte sprechen, dann sind sie in der Welt der Effektivität.

Als nächstes Führung.

Wenn Sie über Manager sprechen, sind Sie in der Welt der Effizienz. Wenn Sie über Führungskräfte sprechen, dann sind sie in der Welt der Effektivität.

Effizienz orientiert sich am Bestehenden und ist deshalb vergangenheitsorientiert und bewahrend. Effektivität dagegen ist zukunftsorientiert und gestaltend.

Effektivität sollte immer der erste Schritt sein, Effizienz der zweite.

Effizient Effektiv
Prozess Projekt
Oft / repetitiv Einmalig
Manager Führungskraft
Vergangenheitsorientiert Zukunftsorientiert
Bewahrend Gestaltend
1.     Schritt 2. Schritt

So, und was hat das alles mit dem Lösen von Problemen zu tun? Ganz einfach. Wenn es ein Problem zu lösen gilt, dann achten Sie bitte darauf, ob es sich um ein Problem handelt, bei dem es um Effizienz geht oder ein Problem, bei dem es um Effektivität geht. Und wenn es vordergründig um Effizienz geht, dann stellen Sie doch einmal die Frage, ob es nicht besser wäre die Frage nach der Effektivität zu stellen.

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