Angry Young Man

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Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zum letzten Mal jemand überzeugt hat, indem er Ihnen seine Meinung so richtig ins Gesicht gesagt hat? Nein? Ich auch nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das bei irgendwem irgendwann funktioniert hat oder funktionieren wird.

 
D ie eigenartigsten Geschichten schreibt doch das Leben. Ich war kürzlich mit meinen beiden Buben unterwegs, Daniel 5 Jahre und Clemens 4 Jahre. Es war ein Feiertag, kurz nach dem Mittagessen, besonders Clemens war müde, hatte nicht zu Mittag geschlafen und war allgemein sehr arm. Da standen wir also am Rand einer Straße und warteten auf die Mama. Clemens war mittelmäßig verzweifelt, verlangte die Mama und weinte bitterlich. Ich versuchte ihn zu trösten, nahm ihn immer wieder auf den Arm.

Plötzlich kommt ein junger Mann auf mich zu, untersetzt, bärtig und starrt mir ins Gesicht. Er tritt ganz nahe an mich heran, baut sich vor mir auf. Ich, meinen Sohn auf dem Arm, sehe ihn fragend an. Er stellt sich auf die Zehenspitzen und schleudert mir entgegen „Eine Frechheit, wenn man seine Kinder weinen lässt, nur um konsequent zu erscheinen.“

„Wie bitte?“ antworte ich nur, doch der wütende junge Mann ist schon weitergegangen. Oh Mann, hat der‘s mir aber gezeigt!

Meine Buben, auch der eben noch weinende Clemens, sehen mich fragend an, dann lachen sie. „Papa, was hat der Mann Lustiges gesagt?“ Keine Ahnung, ich bin immer noch ein wenig perplex. Und auch wenn ich den jungen Mann nicht kenne und voraussichtlich nie wiedersehen werde, muss ich doch an ihn denken. Und zwar weniger, weil er mir die Maske vom Gesicht gerissen und den unmenschlichen Vater in mir bloßgestellt hätte. Nein, das ist es nicht.

Ich muss an ihn denken, weil er – wenn er so etwas zu mir sagt – offensichtlich das exakte Gegenteil dessen auf seiner persönlichen Festplatte hat, was ich als Problemlöser-Mindset bezeichne.

Das zeigt sich zum ersten daran, dass er etwas gemacht hat, dass nach allem was wir über menschliches Verhalten wissen gar keine Wirkung entfalten kann. Gut, es wird gerade ein Blog-Artikel draus, aber Wirkung im echten Leben? Nein. Oder können Sie sich daran erinnern, wann Sie zum letzten Mal jemand überzeugt hat, indem er Ihnen seine Meinung so richtig ins Gesicht gesagt hat? Nein? Ich auch nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das bei irgendwem irgendwann funktioniert hat oder funktionieren wird. Ich sehe das schon an meinen Kindern. Wenn ich es da mit Vorwurf und Belehrung versuche, dann lässt mich auch die zweijährige Sarah wissen, was sie davon hält. Nämlich nichts.


 
J unger Mann, das klappt doch nicht! Wenn Du jemanden tatsächlich überzeugen willst, dann doch nicht, indem Du belehrst, sondern nur und ausschließlich, indem Du mit diesem jemand in Kontakt, in Beziehung gehst. Ich persönlich nehme den Rat anderer Menschen am ehesten dann an, wenn mir diese Menschen sympathisch sind, und wenn ich den Eindruck habe, dass sie mir Gutes wollen. Das war im konkreten Fall nicht spürbar.

Ach, junger Mann, Du hältst mich für einen Rabenvater und willst mir nichts Gutes? Auch fein, nur dann darfst Du davon ausgehen, dass Du mich nicht überzeugen wirst. Und dann kannst Du es gleich lassen, Du brauchst mich nicht anzusprechen.

Oder ging es Dir gar nie darum Wirkung zu erzeugen, und Du wolltest mir nur die Meinung geigen? Wenn das der Fall ist, dann tut’s mir endgültig leid. Etwas nur zu sagen, um dann mit dem wohligen Gefühl im Bauch Recht zu haben abzudampfen, das ist mir zu infantil. Das ist emotionales Kleingeldwechseln nach dem Motto „Wenn ich schon sonst nichts habe, dann habe ich wenigstens Recht.“

Warum würde ein Problemlöser so etwas nie machen? Weil es ihm um Wirksamkeit geht. Und was keine Wirkung entfalten kann, ist erst mal unnütz. Es gibt noch einen Aspekt an meinem kurzen Intermezzo mit dem juvenilen Wutbürger, der so gar nicht Problemlöser-like ist.

Wenn ich ein Problem lösen will, dann sollte ich es verstehen. Sonst wird es schwierig. Ganz besonders schwierig wird es, wenn man sich auf Grund minimaler Informationen eine Meinung bildet, wie der junge Mann. Ja, es gab ein Problem, mein Sohn war müde und unglücklich, und ich konnte ihm nicht dabei helfen. Dazu brauchte es die Mama. Bloß, die Lösung war bereits gefunden und unterwegs. Keine 5 Minuten später saßen wir alle bei der Mama im Auto und alles war gut.

In diesem Sinne: wenn Du, junger Mann das nächste Mal Zivilcourage zeigen willst, dann mach das bitte an einer Stelle, wo es auch nötig ist. Zum Beispiel, wenn ein Idiot in der U-Bahn syrische Flüchtlinge anpöbelt. Und gerne auch, wenn Eltern mit ihren Kindern nicht anständig umgehen, sie etwa herabwürdigen oder sogar schlagen. Und wenn Du das machst, dann mach es im Interesse aller Beteiligten bitte so, dass die Adressaten die Botschaft auch nehmen können, also interessiert und empathisch und nicht besserwisserisch und arrogant. Das bringt nämlich nichts. Nicht dem Kind, das Du vor seinen Eltern schützen möchtest, denn den Ärger über Deine Einmischung bekommt im schlimmsten Fall erst recht wieder das Kind ab. Und beim U-Bahn-Pöbler solltest Du ohnehin vorsichtig sein. Den Ärger über Deine unangemessene Einmischung lässt der möglicherweise nicht an seinem bisherigen Opfer aus, sondern an Dir.

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